„Tradition bedeutet nicht Stillstand“
Dr. Jörg Lehmann über seine ersten Monate als Brauereidirektor von Hofbräu München
Seit Januar steht Dr. Jörg Lehmann an der Spitze von Hofbräu München. Nach seinem ersten halben Jahr im Amt spricht der neue Brauereidirektor nun erstmals offiziell über seinen Start bei Hofbräu, prägende Momente, internationale Visionen und darüber, warum Mut zur Veränderung für eine Traditionsmarke heute wichtiger ist denn je.
Herr Dr. Lehmann, Sie sind seit Januar Brauereidirektor von Hofbräu München. Wie haben Sie Ihre ersten Monate erlebt?
Der Einstieg fühlte sich vom ersten Tag an richtig gut an. Ich wurde hier sehr herzlich aufgenommen und habe ein tolles Team kennengelernt, das die bayerische Brautradition mit echter Leidenschaft lebt. Gerade in den ersten Monaten ging es für mich vor allem darum, die internen Abläufe tiefgreifend zu verstehen und die Menschen hinter der Marke persönlich kennenzulernen- sowohl innerhalb der Brauerei als auch unsere Partner weltweit.
Besonders beeindruckt hat mich dabei die internationale Strahlkraft von Hofbräu. Auf Reisen nach China, Japan und in die USA wurde sehr schnell deutlich, wie emotional die Marke weltweit wahrgenommen wird. Ein echtes Highlight war dabei sicherlich die offizielle Bekanntgabe von „Hofbräu Texas“ in Addison gemeinsam mit Ministerpräsident Dr. Markus Söder und Staatskanzleichef Dr. Florian Herrmann. Das war ein starkes Signal für unsere internationale Wachstumsstrategie.
Kurz gesagt: Die ersten sechs Monate waren unglaublich spannend, intensiv und voller besonderer Begegnungen.
Gab es in den ersten Monaten einen besonders emotionalen Moment?
Definitiv der Maibockanstich im Hofbräuhaus. Das war ein ganz besonderes Erlebnis - und natürlich auch eine große Verantwortung. Wenn die halbe Staatsregierung, unser Finanzminister Albert Füracker, wichtige Partner, Kunden und zahlreiche Medienvertreter vor Ort sind und der Abend zusätzlich vom Bayerischen Fernsehen begleitet wird, dann spürt man schon die besondere Bedeutung dieses Termins. Das war für mich ein sehr emotionaler Moment.
Viele würden Ihren Job vermutlich als absoluten Traumjob bezeichnen. Wie wird man eigentlich Brauereidirektor bei Hofbräu?
(lacht) Um es mit den Worten unseres Finanzministers Albert Füracker beim Maibockanstich zu sagen: „Direktor des Hofbräuhauses zu sein, ist der Himmel auf Erden.“ Und da möchte ich meinem Chef natürlich nicht widersprechen.
Tatsächlich begleitet mich die Braubranche aber schon seit mehr als 30 Jahren. Mein Fundament habe ich mit Studium und Promotion in Weihenstephan gelegt. Danach folgten verschiedene Führungspositionen in deutschen Brauereien - sowohl in technischen Bereichen als auch in der Geschäftsführung. Besonders prägend waren für mich außerdem die sechs Jahre als Präsident des Deutschen Brauer-Bundes.
Als das Bayerische Finanzministerium die Position bei Hofbräu neu besetzte, trat man schließlich persönlich an mich heran. Für mich ist diese Berufung deshalb weit mehr als nur eine neue Aufgabe - sie ist eine große Ehre.
Hofbräu ist Weltmarke und Staatsbrauerei zugleich. Was macht diese Kombination so besonders?
Hofbräu ist weit mehr als „nur“ eine Brauerei. Genau diese Mischung macht die Aufgabe so spannend. Einerseits sind wir tief in Bayern und München verwurzelt, andererseits genießen wir weltweit enorme Bekanntheit - und das trotz unserer mittelständischen Größe. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Finanzministerium, die ein wichtiger Teil unserer Identität ist.
Diese Kombination aus Tradition, staatlichem Auftrag und internationaler Strahlkraft ist einzigartig.
Tradition spielt bei Hofbräu eine enorme Rolle. Wo endet für Sie Bewahren - und wo muss Veränderung beginnen?
Tradition darf für mich niemals Stillstand bedeuten. Es gibt diesen Satz, den man in Traditionsbetrieben oft hört: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Das klingt vielleicht zunächst gemütlich, kann auf Dauer aber gefährlich werden. Für mich heißt wahre Tradition nicht, die Asche aufzubewahren, sondern das Feuer am Brennen zu halten.
Natürlich respektiere ich unsere Herkunft und Geschichte, sie sind das Fundament von Hofbräu. Gleichzeitig müssen wir aber offen für neue Entwicklungen bleiben. Die Erwartungen unserer Gäste und Konsumenten verändern sich ständig und darauf müssen auch wir die richtigen Antworten geben. Deshalb entwickeln wir uns weiter - bei Produkten, Technologien und internen Prozessen.
Wenn Strukturen nur noch bremsen oder Abläufe unnötig kompliziert werden, dann ist es Zeit, Dinge neu zu denken. Veränderung braucht Mut, aber genau dieser Mut ist der Treibstoff für Innovation. Oder anders gesagt: Wir wollen das „Das war schon immer so“ öfter gegen ein neugieriges „Wie gut könnte es eigentlich noch werden?“ eintauschen.
Welche Themen stehen aktuell besonders im Fokus?
Bei uns in der Brauerei passiert gerade unglaublich viel. Mir ist wichtig, Hofbräu weiterzuentwickeln, ohne dabei unsere Wurzeln zu verlieren. Ein großes Thema ist der Ausbau alkoholfreier Biere aus eigener Produktion. Viele Menschen möchten heute bewusster genießen, aber trotzdem nicht auf echten Biergeschmack verzichten. Genau darauf wollen wir die richtigen Antworten geben.
Außerdem möchte ich unsere Premiumstrategie weiter vorantreiben - im Heimatmarkt genauso wie international. Gerade hier in Bayern und Deutschland wollen wir noch präsenter werden und die Sichtbarkeit der Marke weiter stärken, vor allem in der Gastronomie. Gleichzeitig sehe ich auch international und im Export große Chancen für Hofbräu und die bayerische Braukultur.
Und natürlich arbeiten wir auch hinter den Kulissen an vielen Themen weiter. Wir modernisieren Prozesse und Strukturen, damit wir noch effizienter und flexibler werden. Am Ende geht es aber immer um dasselbe: unserem Team den Rücken freizuhalten für das, was Hofbräu seit Generationen ausmacht - richtig gutes Bier zu brauen.
Der Biermarkt befindet sich im Wandel. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?
Die Rahmenbedingungen sind aktuell definitiv anspruchsvoll. Weltpolitische Entwicklungen, volatile Märkte und ein verändertes Konsumverhalten machen natürlich auch vor unseren Braukesseln nicht halt. Gleichzeitig sehe ich darin aber auch Chancen. Gerade in unsicheren Zeiten suchen Menschen nach Authentizität, Qualität und Verlässlichkeit - und genau dafür steht Hofbräu.
Ein großer Vorteil unserer Brauerei ist dabei unsere Agilität. Durch kurze Wege und flache Hierarchien können wir schnell reagieren und flexibel handeln. Das hilft uns enorm, wenn sich Märkte oder Rahmenbedingungen verändern.
Ich glaube, wir haben sehr gute Voraussetzungen, beweglich und neugierig zu bleiben, Chancen früh zu erkennen und Hofbräu mit viel Leidenschaft weiterzuentwickeln. Und bei aller Dynamik lassen wir uns die Freude an dem, was wir tun, ganz sicher nicht nehmen.
Was macht für Sie persönlich die Magie des Hofbräuhauses am Platzl aus?
Wer das Hofbräuhaus betritt, spürt sofort diese ganz besondere Energie. Dort treffen Münchner Stammgäste auf Besucher aus aller Welt - und genau dieser Mix macht die Atmosphäre so einzigartig. Tradition wird bei uns nicht inszeniert, sondern jeden Tag ganz selbstverständlich gelebt: mit exzellentem Bier, bayerischer Küche, Live-Musik und echter Geselligkeit.
Und trotz seiner weltweiten Bekanntheit hat sich das Hofbräuhaus etwas ganz Wichtiges bewahrt: seine Herzlichkeit. Genau das spüren die Menschen. Und genau deshalb kommen viele immer wieder zurück.
Hofbräu München wird weltweit mit dem Oktoberfest verbunden. Wie wichtig ist dieses „Aushängeschild“ für die Brauerei - und freuen Sie sich schon auf Ihre erste Wiesn als Brauereidirektor?
Das Oktoberfest ist das „Fest des Münchner Bieres“ und als größtes Bierfest der Welt international einzigartig. Jedes Jahr besuchen mehr als sechs Millionen Menschen aus aller Welt das Oktoberfest. Für Hofbräu München ist es der Höhepunkt des Jahres und ein ganz wichtiger Teil unserer weltweiten Markenidentität.
Als eine der sechs Münchner Traditionsbrauereien sind wir seit Generationen eng mit der Geschichte und dem Erfolg des Oktoberfests verbunden. Gerade für unsere internationalen Partner hat die Wiesn eine enorme Bedeutung. Viele besuchen uns jedes Jahr in München, sodass das Oktoberfest für uns fast den Charakter einer internationalen „Hausmesse“ hat. Hier entstehen neue Kontakte, bestehende Partnerschaften werden gepflegt und die Marke Hofbräu wird für Gäste aus aller Welt unmittelbar erlebbar.
Und persönlich? Ja - ich freue mich schon riesig auf meine erste Wiesn im Hofbräu Festzelt.
Bei all den öffentlichen Terminen und Verpflichtungen: Wie schaffen Sie persönlich Ausgleich?
Dass der Job jede Menge Öffentlichkeit und eine ordentliche Portion Erwartungsdruck mit sich bringt, ist kein Geheimnis. Wer in so einer Position Verantwortung trägt, steht natürlich auch im Fokus. Aber damit man bei all den schnellen Entscheidungen und dem Trubel um die Brauerei nicht den Fokus verliert, braucht es den richtigen Ausgleich. Mein Rezept für einen freien Kopf? Ganz simpel: raus in die Natur. Es gibt nichts Besseres als ausgedehnte Spaziergänge mit meiner Frau Ute und unserem Hund Vincent.
Ansonsten hilft mir alles, was mit Bewegung zu tun hat. Ob ich mich beim Sport richtig auspowere oder beim Reisen neue Eindrücke sammle - diese Momente sind mein Treibstoff. Wenn der Puls beim Laufen hochgeht oder ich an einem völlig neuen Ort die Perspektive wechsle, kommen oft die besten Ideen von ganz allein. Danach ist der Kopf wieder klar und ich bin bereit für die nächsten Herausforderungen in der Brauerei.
Zum Abschluss: Was möchten Sie, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Tages über Sie sagen?
Ich wünsche mir, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter irgendwann sagen: „Unter ihm war es definitiv nie langweilig.“ (lacht)
Mir ist wichtig, dass man mich nicht nur als Verwalter einer großen Tradition in Erinnerung behält, sondern als jemanden, der gemeinsam mit dem Team etwas bewegt hat. Ich möchte Menschen motivieren, neue Wege zu gehen und gemeinsam über sich hinauszuwachsen. Natürlich möchte ich fordern, aber genauso wichtig ist mir, Menschen zu fördern. Am Ende geht es darum, als Team stärker zu werden und gemeinsam stolz auf das Erreichte zu sein.
Und ich möchte irgendwann eine Brauerei übergeben, die modern, erfolgreich und zukunftsfähig aufgestellt ist - und gleichzeitig ihre Seele bewahrt hat. Hofbräu soll noch präsenter, moderner und stärker aufgestellt sein als heute.
Ganz wichtig ist mir dabei aber auch, dass wir bei allem Erfolg nie die Freude an unserem Handwerk verlieren. Wenn die Menschen irgendwann sagen: „Das war eine intensive, aber richtig gute Zeit“, dann habe ich meinen Job gut gemacht.